Testosteronmangel des Mannes

Der Testosteronmangel des Mannes ist in den Medien der letzten Jahre immer wieder mit dem Attribut des Alterungsprozesses belegt worden. Endokrinologen dagegen sehen hier nicht nur ein sehr vielseitiges Hormon, sondern auch eine breite Palette von möglichen Ursachen und Auswirkungen des hormonellen Defizits.

Zum Verständnis der Vorgänge muss man sich den Regelkreis der Testosteronproduktion verdeutlichen:

Nach der Stimulation der Hypohyse durch den Hypothalamus (GnRH) regt diese wiederum die Hoden zur Produktion des Testosterons an (linkes Bild). Dabei führt das Testosteron im Sinne des Regelkreises zu einer Hemmung der hypophysären und hypothalamischen Aktivität (rote Linien im rechten Bild.

Gleichzeitig wird im Fettgewebe aus dem Testosteron Östradiol produziert, was ebenfalls an den übergeordneten Steuerorganen eine Hemmung und damit eine Regulationswirkung entfaltet (gelbe Linien im rechten Bild).

Be jüngeren Männern wird die Ausschüttung des Testosterons am Morgen und Vormittag stärker stimuliert als am Nachmittag und Abend.

Der größte Teil des Testosterons ist im Blut an Eiweiße gebunden, nur der kleinere, freie oder nicht gebundene Anteil ist wirksam und damit Ziel der Bestimmungen des Testosterons im Serum.

Es ergeben sich zusätzlich unterschiedliche Wirkungen des Testosterons in verschiedenen Alterssituationen:

Embryonalzeit Differenzierung  zum männlichen Fetus (ab der 7. SSW), vorher existieren bipotente Organanlagen
Pubertät Ausbildung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale, Muskulaturaufbau
Erwachsenenalter Aufrechterhaltung von Sexual- und Stoffwechselfunktionen, Muskulatur und Knochenaufbau (aber auch Mitspieler bei der  Prostatavergrößerung)


Störungen im Testosteronhaushalt machen sich also in unterschiedlichen Lebensphasen jeweils unterschiedlich bemerkbar. Zusätzlich muss noch danach unterschieden werden, an welcher Stelle des Regelkreislaufes ein Problem auftritt. Genau hier setzen Ausbildung und Erfahrung des Endokrinologen ein:
Der Zeitpunkt der Blutentnahme und die Meßmethodik des Testosterons spielen eine große Rolle. Zumindest bei jüngeren Männern muss die Blutentnahme morgens erfolgen. Die Bestimmung des freien, nicht eiweißgebundenen Testosterons ist entscheidend für die Beurteilung der Wirkung des Hormons.
Therapeutisch gibt es mittlerweile mehrere Möglichkeiten, einen Testosteronmangel auszugleichen. Testosteron wird in Tablettenform praktisch nicht mehr verabreicht wegen einer unsicheren Resorption (Aufnahmefähigkeit). Man kann es entweder über die Haut (als Gel) anwenden oder als Depotpräparat in einen Muskel injizieren. Im Muskel wird es je nach Zubereitung zum Beipiel über drei Wochen oder drei Monate langsam aufgenommen (resorbiert). Kontrollen der richtigen Dosis erfolgen nicht wie bei der Schilddrüse über die Steuerhormone der Hirnanhangsdrüse (LH, FSH), sondern über das Testosteron selbst. Die LH-Produktion ist gerade bei älteren Männern in der Pulsatilität beeinträchtigt und somit als Kontrollparameter schlecht geeignet.


Zum Testosteron beim  Klinefelter-Syndrom:
Als besondere Form eines (angeborenen) Testosteronmangels gilt eine Chromosomenveränderung, bei der nicht der normale Satz von 46 Chromosomen, sonndern eine Form mit 47 Chromosomen mit einem überschüssigen X-Chromosom vorliegt ("XXY"). Jeder 500. Mann in Deutschland besitzt das überschüssige X-Chromosom. Von den damit betroffenen ca 80.000 Jungen und Männern sind bisher nur etwa 10% erkannt und diagnostiziert. Der Testosteronmangel macht sich oft erst nach der Pubertät bemerkbar und führt unbehandelt zu einem Leistungsverlust, Erektionsstörungen, Libidomangel, Osteoporose usw. Die Diagnose des Klinefelter-Syndroms bedeutet nicht, dass der Betroffene deswegen weniger "männlich" ist oder dass die Lebenserwartung damit geringer wäre. Der Mangel an Testosteron lässt sich mittlerweile recht problemlos ausgleichen, die Störung der Hodenfunktion mit kleinen Hoden und gestörter Spermienherstellung ist allerdings nicht zu reparieren.

Bis vor ca 10 Jahren hat man nach Diagnosestellung deswegen davon ausgehen müssen, dass die Klinefelter-Patienten notwendigerweise unter einer nicht behandelbaren leiden. Diese Prognose konnte durch moderne Verfahren der Spermiengewinnung und anschließenden künstlichen Befruchtung einer weiblichen Eizelle zumindest in vielen Fällen geändert werden.

Es existieren überhaupt recht viele Fehlinformationen über das Klinefelter-Syndrom nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch bei Ärzten. Ausführliche Informationen gibt es zum Beispiel bei der Deutschen Klinefelter-Syndrom Vereinigung e.V., die sich in besonderem Maße für die Aufklärungsarbeit bei Patienten und Ärzten einsetzt. In einigen Städten der Bundesrepublik existieren mittlerweile Selbsthilfegruppen, deren Mitglieder mit Rat und Tat zur Seite stehen. Es gibt viele Informationen für Betroffene, aber auch für Eltern und (ganz wichtig!) für werdende Eltern eines Jungen mit Klinefelter-Syndrom. Gerade wegen der oft bestehenden Unsicherheit von Patienten und Ärzten bezüglich der Klinefelter-Problematik sind solche Aktivitäten unterstützenswert.

Hier der Link zu einem ausführlichen Informations-Film der Andrologischen Abteilung der Universitätsklinik Münster.

Klinefelter Informationsfilm
   Chromosomensatz beim Klinefelter-Syndrom
                                                                                          (Chromosomensatz XXY beim Klinefelter-Syndrom)





Zur Endokrinologie der Prostatavergrößerung, die ja meist in einem Alter eintritt, in dem die Testosteronproduktion schon nachgelassen hat, hier ein interessanter Artikel aus Österreich zum Download. Es zeigt sich, dass außer der Testosteronproduktion verschiedene Wachstumsfaktoren wie IGF, EGF, Kallikreine und Prostaglandin eine Rolle spielen.
Blase und Prostata

Nach einer Prostataoperation wegen eines bösartigen Tumors (Prostata-Carcinom) kommt es ebenfalls häufig zu einem Testosteronmangel, der allerdings künstlich bzw. medikamentös erzeugt wird. Dieses Vorgehen ist ein anerkanntes Verfahren zur Nachbehandlung dieser Erkrankungen unter der Vorstellung, dass ein erneutes Wachstum des Carcinoms durch niedrige Testosteron-Konzentrationen  vermieden wird. Es ist in den letzten Jahren eine Diskussion darüber entbrannt, ab wann der normalen eigenen Hormonproduktion wieder Raum gegeben werden kann bzw. unter welchen Bedingungen ein Patient mit einem Testosteronmangel und einem vollständig entfernten Prostata-Carcinom wieder mit Testosteron substituiert werden darf.




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